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Blühe Wälsungenblut

 

heißt es in der Arie von Richard Wagners Oper „Die Walküre“. Dem Opernfreunden bleibt nicht verborgen, dass aus der geschwisterlichen Leidenschaft der Zwillinge Siegmund und Sieglinde der Drachentöter Siegfried gezeugt wird. Der Sagenheld ein Inzestkind. Bis heute ist er leider kein Einzelfall geblieben. Mehr als 10.000 Fälle werden jährlich in Deutschland zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Der Verein „MELINA Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e.V.“, blickte dieser Tage auf sein 10jähriges Bestehen zurück. Basierend auf die UN-Kinderrechtskonvention ist seine Zielsetzung Menschen zu helfen, die inzestuöse sexuelle Gewalt erfahren haben und solchen, die als deren Folge geboren wurden. Dabei geht es nicht nur um das Recht auf Wissen um die eigene Abstammung, um medizinische und psychologische Betreuung sondern auch um Aufklärung und Enttabuisierung dieses Themas.

Über 375.000 Menschen haben in 10 Jahren die Homepage von MELINA (www. melinaev.de) besucht. Tausende von Anfragen wurden in dieser Zeit beantwortet. Die Vereinsvorsitzende, Frau Ulrike Dierkes, selbst ein Inzestkind, war Gast in zahlreichen TV Talk-Shows, auf Podiumsdiskussionen, Autorenlesungen und Vorträgen um das Thema aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke herauszuholen. MELINA ist eine Erfolgsgeschichte gesellschaftlicher Aufklärung. MELINA hat national wie auch über unsere Grenzen hinaus Respekt und Anerkennung verdient und bekommen. Das Gästebuch ist lang, auch Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl hat sich eingetragen. Dabei arbeiten die Mitglieder ausschließlich ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen.

MELINA rückte den sexuellen Missbrauch durch Erwachsene an Kindern in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dabei wurde jedes Medium genutzt, keiner Diskussion ausgewichen, keine Frage blieb offen, kein Rechtsstreit wurde gescheut. Diese Wandlung war dringend notwendig, wenn auch der Umgang mit diesem Thema bisweilen an Offenheit noch etwas zu wünschen übrig lässt. Heute ist zumindest die Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch an Kindern kein Tabu mehr, der Umgang mit den Opfern ist allerdings immer noch eines. Das darf nicht so bleiben. Auch das ist Ziel der Arbeit von MELINA.

Inzest ist kein einfaches Thema. Es bricht traditionelle Normen und Werte und dabei ist es so alt wie die Menschheitsgeschichte. Wir wissen aus dem Alten Testament, dass Lots Töchter dem berauschten Vater beiwohnten, aus Angst nach Sodoms Untergang keine Männer mehr zu finden, um Nachkommen zu erzielen. Wir wissen, dass Abrahams Frau Sara seine Halbschwester war. Wir wissen aus der griechischen Mythologie, dass das Orakel von Delphi Laos, dem König von Theben geweissagt hatte, sein Nachkomme Ödipus werde seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten. Aber was wissen wir von den seelischen und körperlichen Qualen, die Missbrauchte ertragen, aushalten und ein Leben lang mit sich herumschleppen müssen. Was wissen wir von Kindern, die durch Blutschande gezeugt wurden? Können wir auch nur ahnen was es bedeutet, nicht geliebt zu werden, Sünde des Vaters zu sein? Können wir erahnen was es heißt, wenn Kinder die zum sexuellen Objekt degradiert werden, selbst als Opfer Schuldgefühle entwickeln?

Vertrauensbruch und Verrat kennzeichnen den Missbrauch und stellen die Welt der Kinder auf den Kopf. Sie haben nicht die Chance, das Erlebte in der Familie zu verarbeiten. Es ist niemand da, nur der Täter ist immer da und das Kind wächst innerhalb des blutschänderischen Systems auf. Machen wir uns nichts vor, dieses Geschehen zeigt sich in allen gesellschaftlichen Schichten. Es bedarf wenig Gewalt und Zwang Kinder zu missbrauchen. Sie können sich nicht widersetzen auch wenn sie diese sexuellen Übergriffe als schamhaft, ekelhaft und peinlich empfinden. Da Geschwister untereinander oder Eltern und Kinder über ähnliche Gene verfügen, ist die Gefahr der Erkrankung der Abkömmlinge an Erbkrankheiten sehr viel höher als bei fremden Menschen, die miteinander Kinder zeugen. Medizinischen Schätzungen zufolge soll jedes dritte Inzestkind auffällig, jedes vierte geistig behindert sein und jedes achte Kind an Erbkrankheiten leiden. Wer körperlich keinen Schaden hat, kann von Glück reden. Die Narben der seelischen Wunden heilen nur sehr langsam. Ohne Organisationen wie MELINA gibt es kaum eine Heilungschance.

Sich als Opfer zu wehren ist nicht einfach. Das Thema ist nur bedingt gesellschaftsfähig. In der Literatur finden wir eine Vielzahl von dramatischen Erzählungen, die das Thema Inzest behandeln, so etwa im Märchen „Allerleirauh“ der Gebrüder Grimm, in E.T.A. Hoffmanns „Elixire des Teufels“, bei Thomas Manns „Geschichte vom Erwählten“, in dem der Protagonist nach langen Leidens und Bußjahren zum Papst gewählt wurde. In „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garica Márquez charakterisiert der Nobelpreisträger die Geschichte der Familie Buendia die mit Inzest beginnt und mit Inzest endet. In „Homo faber“ beschreibt Max Frisch die tragisch endende Geschichte einer inzestuösen Verstrickung von Vater und Tochter.

Es braucht Mut, sein Schicksal aufzuarbeiten. Die Feder ist stärker als das Schwert und da hat die Vorsitzende von MELINA, Frau Dierkes, dem Drachentöter Siegfried einiges an Mut voraus. Noch vorsichtig und romanhaft näherte sie sich in ihrem ersten Buch "Melina's Magie" dem brisanten Thema um dann in "Meine Schwester ist meine Mutter - Inzestkinder im Schatten der Gesellschaft" frontal die familiäre gesellschaftliche Stellung von Inzestkindern als Minderheit im Schatten der Gesellschaft und die Rolle von Justiz, Kirche und Medien zu attackieren. Fast schon versöhnlich ist dann ihre Biographie "Schwestermutter", in der sie ihr Leben und ihre Erlebnisse schildert. Andere, wie Kathrin Harrison haben es ihr in „ich bin die Tochter, die keiner sieht“ nachgemacht. Ohne diese mutigen Frauen, die autobiografisch über das Thema Inzest berichten und es damit aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke in die Medien bringen, fehlte uns viel an Problembewusstsein und Sensibilität.

In Deutschland wird der Inzest juristisch als „Beischlaf unter Verwandten“ strafrechtlich verfolgt. Nach § 173 des Strafgesetzbuches ist der Geschlechtsverkehr zwischen Verwandten in gerader Linie – Kindern, Eltern, Großeltern etc- -  und zwischen Geschwistern, sofern sie volljährig sind, verboten. Andere Verwandtschaftsgrade wie z.B. Cousin und Cousine sind davon nicht betroffen. Es ist wenig hilfreich, wenn die Bundesjustizministerin pornographische Bilder für Pädophilie verharmlost. Jedes Bild ist ein Kindesmissbrauch. Die CDU muss hier klar Stellung beziehen.

Aufklärung ist die einzige Chance, Opfer zu vermeiden. Täter, die aus der Familie oder dem Umfeld kommen und die Familie als Schutzschild benutzen, um ihr schändliches Tun ungestraft fortzusetzen, kann man nur aufhalten, wenn man sie schnell identifiziert, stellt und aus ihrem sozialen Umfeld herauslöst. Dazu bedarf es der Hilfe von Menschen, denen auch sonst das Thema Missbrauch nicht fremd ist, insbesondere Ärzte, Lehrer und Erzieher. Ein missbrauchtes Kind hat nur dann eine Chance, dass dieser Teufelskreis aus Missbrauch, Schweigen und Leugnen durchbrochen wird, wenn die wahrnehmbaren Signale des Kindes verstanden und die Täuschungsmanöver des Täters entlarvt werden. Das Sexualstrafrecht darf nicht angetastet werden. Das ist christdemokratische Pflicht.

MELINA kann den Verrat und den Verlust des Vertauens nicht ungeschehen machen. Niemand kann das. Es gilt das Leiden zu mindern und Hoffnung zu pflanzen. Die Politik muss sich mehr als bisher mit der Tatsache auseinandersetzen, dass der Täter wesentlich mehr Möglichkeiten hat als das Opfer und es oft viel zu lang dauert, bis eine für das Opfer unerträgliche Situation beendet wird. Die Gesellschaft hat eine Tendenz feige zu sein. Der Verein MELINA leistet mit seinen Veranstaltungen einen unverzichtbaren Beitrag dafür, dass die gesellschaftliche Tatenlosigkeit überwunden wird, dass Menschen sensibler und problembewusster werden. Das Engagement des Vereins MELINA kann nicht hoch genug bewertet werden.

 

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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