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Huhn mit Gipsbein
Einen Sonnenbohrer und Nebeltrenner aus dem Keller
holen, schwarze Kreide besorgen, Stecknadelsamen
beim Krämer kaufen oder vielleicht gar ein Kilo
Ibidumm und eine Packung Haumiblau: seien wir
ehrlich, wer von uns hat als Kind nicht schon
leichtgläubig solche Aufgaben entgegengenommen? Das
ist zwar albern, aber der Ärger über das höhnische
„April-April“ und das schadenfrohe Lachen von
Freuden, Geschwistern oder Eltern waren dann doch
da. Weil viele von uns schon „in den April“
geschickt wurden, lehnen wir solche Scherze eher ab,
weil sie unsere Leichtgläubigkeit bloßstellen.

Der Brauch, seine Mitmenschen am 1. April „aufs
Glatteis zu führen“, gibt es in ganz Europa. Bei uns
hat er sich Anfang des 16. Jahrhunderts in Bayern
verbreitet. Indien, Nordamerika, und Übersee kennen
den 1. April als „Narrentag“. Über die Ursprünge
des Aprilscherzes lässt sich nur spekulieren.
Angeblich seien im alten Rom Streiche am 1. April
zum Narrenfest zu Ehren der Göttin Venus üblich
gewesen. Andere führen den Brauch auf die Reform des
Gregorianischen Kalenders zurück. Im Zuge der Reform
wurde das Neujahrsfest vom 1. April auf den 1.
Januar verschoben und wer es nicht glauben wollte
oder nicht mitmachte galt als Aprilnarr.

Aprilscherze haben die Jahrhunderte überdauert. In
einer Mozartoper hören wir: „Glaubt nicht an die
Lügen des losen Mädchens, sie will euch schicken in
den April“ und Goethe schreibt: „Willst du den März
nicht ganz verlieren, so laß nicht in den April dich
führen. Den ersten April sollst du mit viel Lachen
überstehen, dann kann dir manches Gute nur
geschehen.“ Es gibt gut erfundene und glaubhaft
klingende Geschichten über die Einführung des
Linksverkehrs, über die Spaghetti-Ernte in der
Schweiz, die Einführung des Instant-Weins oder die
Landung von Marsianer in Texas. Sie haben etwas
Verführerisches.

Politik ist Teil unsers gesellschaftlichen Lebens
und kein „narrenfreier“ Bereich. Aprilscherze haben
auch in der Politik ihren Platz. Mit Anträgen auf
Auswilderung des Wolfes in den Stuttgarter
Stadtwäldern, mit der Erhebung der schwäbischen
Kehrwoche zum Weltkulturerbe, mit der Errichtung
eines Offshore-Windparks auf dem Bodensee habe ich
mir in den letzten Jahren manchen derben Scherz mit
den Medien und der Verwaltung erlaubt. Steilvorlagen
zu solchen Geschichten kommen ungewollt von den
Kollegen. So auch dieses Jahr.

Die FDP will den Stuttgarter Flughafen in „Theodor
Heuss“-Flughafen umbenennen. Die CDU favorisiert
Kurt-Georg Kiesinger und die Grünen könnten Rezzo
Schlauch benennen. Flugpioniere sind sie alle nicht,
aber Rezzo Schlauch hat mit seiner
Meilenkonto-Affäre seine Affinität zum Fliegen unter
Beweis gestellt. Warum nicht einen schwäbischen
Flugpionier würdigen, der vor fast 200 Jahren einen
Flugapparat konstruierte, um mit ihm über die Donau
zu fliegen? Sein Name ist Albrecht Ludwig Berblinger,
besser bekannt als der „Schneider von Ulm“. Sein
Flugapparat war eine bahnbrechende
Ingenieurleistung. Er war ein Visionär als es noch
nicht einmal die Eisenbahn bei uns gab. Leider
stürzte er mit seinem Fluggerät von der Adlerbastei
in die Donau, weil es an Thermik fehlte. Dennoch war
Berblingers Fluggerät flugtauglich, wie durch einen
Nachbau bewiesen wurde. Mit dem an Berghängen
herrschenden Auftrieb wäre der Schneider von Ulm
geflogen. Berblinger wusste nicht, dass die an
Flüssen auftretenden Fallwinde für das Gleitfliegen
ungeeignet sind.

Bevor wir einen Politikernamen wählen, sollte
Stuttgarts Flughafen den Namen von Albrecht Ludwig
Berblinger tragen, ein schwäbischer Ikarus. Wir
dürfen uns nicht dadurch beirren lassen, dass der
erste Flugversuch nicht erfolgreich war. Bekanntlich
hat sich auch der Flugapparat von Leonardo da Vinci
nie in die Lüfte erhoben und dennoch trägt ein
römischer Flughafen heute seinen Namen. Es gibt
keinen Grund, sich des Schneiders von Ulm zu schämen
oder ihn nur wegen seines Scheiterns totzuschweigen.
Berblinger hat alle positiven Eigenschaften eines
Schwaben gezeigt: Zielstrebigkeit, Ehrgeiz,
Erfindungsreichtum. Wenn wir heute fast 200 Jahre
nach dem ersten Flugversuch den Stuttgarter
Flughafen nach ihm benennen, ist das nicht nur die
Anerkennung für seine Ingenieurleistung, sondern
auch Wiedergutmachung für obrigkeitsstaatliches
Unrecht. In den Chroniken wird nämlich berichtet,
dass Berblinger wegen ungünstigem Wind nicht fliegen
wollte, aber ein Gendarm ihm Fußtritt versetzte, so
dass er in die Tiefe stürzte. Ohne diesen amtlichen
Übereifer hätte die technische Entwicklung einen
völlig anderen Weg einschlagen können.
Albrecht-Ludwig-Berblinger-Flughafen hat doch was,
meinen Sie nicht auch?
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