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Eine Kunströhre auf der roten Liste

 

Die Kulturmeile ist eine städtebauliche Aufwertung für Stuttgart. Dies steht außer Zweifel, haben die straßenbauliche Planungen nach dem Kriege tiefe Wunden in unserer Stadt hinterlassen. Auch wenn künftig der Verkehr zum Teil unterirdisch verlaufen soll, kann unsere Stadt nur gewinnen. Noch sind nicht alle Finanzierungsfragen abschließend geklärt und die Haushaltsberatungen nicht abgeschlossen. Zudem kann sich der Landtagspräsident vorstellen, einen Plenarsaal zwischen Abgeordnetenhaus und Landtag zu bauen, der sich ganz oder teilweise über diese Kulturmeile erstrecken soll. Das Bosch-Parkhaus der neuen Landesmesse mag dafür als architektonischer Pate dienen.

Mit Ausnahme der „Überdeckelung“ droht bei allen Vorschlägen dem Verbindungstunnel zwischen Landtag und Abgeordnetenhaus das Aus. Bei der Tieferlegung der Konrad-Adenauer-Straße ist er schlichtweg im Wege. Müsste man ihn unterhalb der neuen Straßenführung legen, steigen die Kosten des Bauprojektes „Kulturmeile“ um 3,5 Millionen Euro. Die sarkastische Pressemitteilung der IHK, sie werde an die Abgeordneten Regenschirme austeilen, damit sie trockenen Fußes vom Abgeordnetenhaus zum Parlament gelangen, verkennt, dass es sich bei dem Tunnel nicht um einen geheimen „Ho-Chi-Minh-Pfad“ für Landtagsabgeordnete handelt, sondern um eine unverzichtbare Infrastruktur. Ohne diese Verbindung könnte der Parlaments- und Verwaltungsbetrieb des Landtags nicht aufrecht erhalten werden. Dabei handelt es sich nicht um einen beliebigen Verbindungstunnel, sondern um eine Kunströhre, auch wenn manche Spötter die 136 Meter lange Verbindung als „Beamtenlaufbahn“ bezeichnen. Der Künstler Robert Schad hat in diesen Tunnel mit armdicken Vierkantstahlstäben vertikal, horizontal, diagonal und mit einzelnen Kreissegmenten ausgeformt und eine schwungvolle Raumzeichnung entwickelt. Als der Künstler seinen „Stuttgarter Weg“ 1986 einer Fachjury vorstellte, haben die Kunstexperten das Werk mit den Worten gefeiert: „Indem der Betrachter der sehr bewegten Raumlinie folgt, die wie eine großzügige, freie Kalligraphie den Raumschacht umspielt und ihn ebenso attackiert, wir das zwanghafte der Wegführung überspielt und damit humanisiert“.

Die Besucherresonanz während der Stuttgarter Kulturnacht war überwältigend. Mehr als 3.000 Menschen wollten das Kunstwerk im Tunnel sehen. Das Medienecho hat den „Stuttgarter Weg“ berühmt gemacht und viele Bürger wollten das Kunstwerk zum letzten Mal betrachten. Wenn der Bau der Kulturmeile Kultur zerstört, wäre das ein Widerspruch. Bei dem Vorschlag, die Badischen Kulturgüter zu verkaufen, reagierte die Öffentlichkeit äußerst sensibel und brachte die Landesregierung in arge Bedrängnis. Zwar ist die Kunströhre mit dem historischen Wert der Badischen Kulturgüter nicht vergleichbar und der Öffentlichkeit nur eingeschränkt zugänglich. Die Stuttgarter Kunströhre ist aber eine weltweit einmalige Raumkonzeption. Ein Wiederaufbau ist nahezu unmöglich. Verschwindet der Stuttgarter Weg, ist mit Verständnis aus der Kunstszene kaum zu rechnen. Eine Lösung gibt es (noch) nicht.

 

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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