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Weihnachten und Politik

 

Zur Adventszeit besuche ich immer gerne das kleine Dorf im Schwarzwald wo meine Eltern herkommen und meine Großeltern und deren Eltern. Ich kenne dort jede Straße, jedes Haus. Die Gesichter der Menschen sind mir heute fremd. Ich gehöre heute nicht mehr dazu. Wenn ich dort bin, lebe ich in Erinnerungen. Ich denke gerne an meine Grundschule, an den Bolzplatz, wo ich Hosen und Schuhe durchgewetzt habe und die Barockkirche, in der ich bis zum Abitur als Ministrant diente. Die Kirche ist heute Stadtbibliothek. Der Denkmalschutz hat sie vor dem Abriss bewahrt. Das erfüllt mich mit Befriedigung. Äußerlich ist noch alles vertraut, also habe ich einen Blick reingeworfen. Es ist jetzt die Zeit, die Krippenfiguren aus dem Pfarrkeller zu holen und herzurichten. Dafür haben wir als Ministranten in den letzten Herbsttagen im Wald Moos gesammelt, es getrocknet, um es später auf die Empore auszulegen auf dem die Krippe stehen soll.

Es war anders als früher, keine knarrenden Dielen, keine dunkeln Eichenholzbänke, keine Barockengel, kein Weihwasserbecken. Die Pieta am Eingang fehlte und es fehlte der Geruch. Der Geruch von Wachs und Weihrauch, ein Geruch schwer zu beschreiben, der aber unlöschbar in der Erinnerung bleibt, deutlicher als alles was man sich bewusst merken kann. Gerüche prägen und der Geruch fehlte. Alles war hell und funktional, Stahl und Glas, es roch nicht einmal nach Büchern. Es roch nach gar nichts. Nichts was ich kannte. Meine Krippe konnte ich dort nicht finden.

Die Diözese Freiburg ließ eine neue Kirche bauen, modern, hell und freundlich. Der Künstler Wachter durfte sie nach eigenem Gutdünken gestalten. Sie würde mir gefallen, wenn sie in Stuttgart stünde. In den Glasfenstern Motive aus dem bäuerlichen Leben, von der Weinernte und Bildern aus der Bergpredigt. Das Sonnenlicht tauchte das Kircheninnere in Regenbogenfarben, warm und anmutig. Die Holzfiguren von Peter und Paul erkannte ich wieder und auch die Pieta. Das Barocke war verschwunden. Die Kirche roch nicht wie meine Kirche. Es roch aber nach frischem Tannenholz. Die Ministranten stellten Tannenbäume auf, wickelten ein Band um einen wagenradgroßen Adventskranz und richteten das Seitenschiff für den Krippenaufbau in einem Stall her.

Die Darstellung der Geburtszene in einem offenen Stall geht auf florentinische Maler zurück. In San Marco in Florenz findet sich die ältesten Darstellungen von Fra Angelico aus dem 15 Jahrhundert. Davor hat die bildende Kunst die Geburt in eine Höhle verlagert. Die Heilige Schrift sagt nichts darüber, ob Jesus in einem Stall, einem Haus oder in einer Wohnung geboren wurde. Heute wird in Bethlehem eine Höhle als Geburtstätte Jesu verehrt. Vielleicht ist das Höhlensymbol das Deutlichere, geboren aus dem Uterus der Erde. Ob in einer Höhle oder in einem Stall. Beides hat Symbolbedeutung. Es zeigt, dass das Kind nicht in einem Haus, nicht inmitten der Gemeinde sondern außerhalb, bei den Tieren geboren wurde. Der griechische Text des Lukasevangeliums sagt, dass Maria ihren Sohn in Windeln wickelte und in „he phatne“, d.h. in eine seichte Grube, in eine Vertiefung legte, aus dem die Tiere im Stall oder in der Höhle ihr Futter fraßen.

Die Krippenfiguren meiner Schwarzwaldgemeinde sind aus Tannenholz geschnitzt, einen halben Meter groß, nicht bemahlt und völlig unbehandelt. Neben den klassischen Figuren der Heiligen Familie, der Hirten mit ihren Schafen und des Engels der Verkündung finden sich Figuren des täglichen Lebens. Eine Skifahrerin mit Kniebundhosen, ein Postbote in Uniform, eine Wäscherin, ein Winzer und ein einbeiniger, auf Krücken stehender Kriegsheimkehrer. Die Arbeiten stammen auch von einem Kriegsheimkehrer. Sie sind keine soziale Anklage, sondern Ausdruck tiefer Frömmigkeit. Die Arbeit war sein Dank an eine glückliche Heimkehr aus Stalingrad. Die Figuren sagen: Christus ist für die Menschen nicht nur vor 2000 Jahren geboren sondern auch in den Schützengräben, auf dem Schlachtfeld, bei der Heimkehr in ein Deutschland, wo Not und Elend, Hunger und Arbeitslosigkeit und wenig Hoffnung auf ein besseres Leben bestand. Den Namen des Künstlers habe ich vergessen, die Gesichtszüge seine Figuren nicht. Sie zeigen Hoffnung und vermitteln Freude, aber auch Mut und Willen anzupacken, sein Schicksal anzunehmen, sein Leben zu meistern. Wir haben heute vieles von diesem Mut verloren. Heute wo es uns besser geht, rufen die Menschen nach dem Staat, er möge das soziale Netz noch enger knüpfen, das Füllhorn aller staatlichen Leistungen reichhaltig ausleeren, die Lebensqualität verbessern. Der Staat – und das sind nun mal wir alle – könnte das alles erfüllen. Die Rechnung müssen aber unsere Kinder und Enkel bezahlen. Unsere Schulden heute sind die Steuern von morgen. Ich will das nicht. Ich will, dass die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Frage nicht was dein Land für dich tun kann, frage was du für dein Land tun kannst, hat Kennedy seinen Landsleuten zugerufen. Recht hatte er.

Viele Menschen haben begriffen, wie es um Deutschland steht und dass das Land um einschneidende Reformen nicht herumkommen wird. Dennoch lösen die zaghaften und langsamen Reformen Proteste aus. Die Bereitschaft zu Veränderung fehlt. Sie fehlt, weil der wirtschaftliche Niedergang so schleichend erfolgt, dass er kaum wahrgenommen wird. Heute ist nur unmerklich schlechter als gestern. Das allerdings ist schon lange so. Erst ein langfristiger Vergleich zeigt die dramatische Entwicklung auf. Aber dieser Vergleich bestimmt die Lebenswirklichkeit nicht. Deutschland hat in den Jahren des Wirtschaftswunders viel Vermögen aufgebaut. Wenn die Einnahmen nun nicht mehr so reichlich fließen, individuell wie gesamtwirtschaftlich, fängt man an, von den Reserven zu leben. Man merkt auch da nicht so recht wie es abwärts geht. Wir sind zwar überzeugt, dass Reformen notwendig sind, wir haben aber Angst vor den unangenehmen Konsequenzen.

Unternehmen jammern auch gerne und viel, über Steuern, Regulierungen und Gewerkschaften. Aber jetzt gewinnt man den Eindruck, der Anteil derer nimmt zu, die einfach genug haben. Die Frustration ist greifbar. Unternehmer, Forscher und Erfinder verlassen das Land, als Privatperson oder mit ihrem Unternehmen. Weil sie die Sonne suchen oder aus steuerlichen Gründen, wie populistisch suggeriert wird. Nein, sie gehen, weil sie von den Bürokraten, der Bevormundung, dem Misstrauen gegen die Leistungsgesellschaft, vom Neid gegen alles, was sich vom Rest abhebt, nichts mehr zu tun haben wollen. Wir müssen uns gegen diesen kollektiven Burn-out stemmen.

Von den Krippenfiguren ist mir der Esel der Liebste. Aus dem Evangelium des Lukas erfahren wir nicht, wie die Heilige Familie von Nazareth in Galiläa nach Judäa Bethlehem gereist ist. Vermutlich mit einem Esel, denn eine schwangere Frau kann diese Strecke nicht zu Fuß zurück legen. Wir wissen aber, dass Jesus auf einem Esel nach Jerusalem einzog. Nicht auf einem edlen Pferd, nicht auf einem Kamel, auf einem Esel, nicht gerade hoch auf der Werteskala. Und dennoch war dieses Tier für die Wirtschaftskraft eines archaischen Landes als Zug- und Lasttier unverzichtbar. Handel und Landwirtschaft ohne Esel undenkbar. Genügsam, ein wenig Stroh und Heu, vielleicht ein einfacher Stall, dann verrichtet er seine Dienste. Willensstark und gelegentlich etwas störrisch, verlässlich und ohne Ansprüche. Ich will nicht sagen, dass wir und unsere Wirtschaft auch so sein müssen, aber ein wenig von der Eigenschaft des Esels könnten wir uns abschauen.

Deutschland braucht fundamentale Reformen. Privateigentum muss wieder etwas gelten. Leistung muss sich lohnen. Verantwortung übernehmen muss als Norm dienen. Wettbewerb muss zum Leitprinzip der wirtschaftlichen und politischen Ordnung werden. Das mag harmlos klingen. Tatsächlich kommt es aber dem radikalen Ruck gleich, den Alt-Bundespräsident Roman Herzog gefordert hat. Es bedeutet Steuern zu senken und zu vereinfachen, große Unterschiede der Einkommen und Vermögen akzeptieren, staatliche soziale Fürsorge auf ein subsidiäres Minimum zu beschränken, mehr zu arbeiten, Scheitern und Versagen in Kauf zu nehmen und vor allem, weniger staatliche Leistungen erbringen. Je mehr der Staat den Menschen gibt, desto mehr muss er von ihnen nehmen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

Im Evangelium des Lukas, dem wir den größten Teil der Kindheitsgeschichte Jesu verdanken, fällt auf, mit welch kargen Worten die Geburt des Herrn beschrieben wird. Wir wissen auch wenig über die Familie. Der Vater war Zimmermann, selbstständiger Unternehmer nach unserem heutigen Verständnis. Wir wissen nichts von materieller Not. Wir wissen nicht, ob Schreiner und Zimmerleute, Kleinunternehmer also, wirtschaftlich gefördert wurden. Wir wissen nur, dass er sich auf Befehl von Kyrenios, dem Statthalter von Syrien, in eine Steuerliste eintragen musste. Das lässt darauf schließen, dass sein Unternehmen Einnahmen brachte. Er konnte und musste Steuern zahlen, ohne dass er die Wohltaten moderner Wirtschaftsförderung erfahren durfte. Joseph hätte sich wohl auch eine Herberge leisten können, wegen der späten Anreise fand die Familie keinen Platz mehr. Die Zukunftsaussichten eines Kindes, das vor 2000 Jahren geboren wurde, waren nicht rosig. Das Land war besetzt und politisch in Aufruhr. Es wurde wirtschaftlich ausgebeutet, war arm an Bodenschätzen. Es gab nur Landwirtschaft und Viehzucht, karge Böden, keine medizinische Versorgung. Der tägliche Kampf ums Überleben bestimmte den Alltag. Das galt auch für einen Handwerker wie einen Zimmermann. Der Evangelist Matthäus erwähnt die Geburt nur in einem Nebensatz. Die Offenbarung und die Hoffnung, dass dieses Kind verkörperte und den einfachen Hirten auf dem Felde verkündet wurde, ist seine zentrale Botschaft.

Unsere Kinder sind auch unsere Hoffnung. Wir dürfen Ihnen nicht Schulden und unsere Pensionsverpflichtungen hinterlassen sondern ein geordnetes Gemeinwesen. Wir müssen sie fördern aber auch fordern. Ich bin froh, dass wir heute in der Politik die richtigen Weichen stellen. Kinderbetreuung auszubauen, die Kinderzulage zu erhöhen und Kinderbetreuungskosten bei der Einkommenssteuer vom ersten Euro an zu berücksichtigen. Das ist die Handschrift der CDU im Koalitionsvertrag. Das Kinderland Baden-Württemberg ist die zentrale Forderung in der Regierungserklärung unseres Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Und er hat Wort gehalten. Land und Kommune ziehen an einem Strang. Die Lebensbedingungen für Eltern mit Kinder sind nirgendwo besser als bei uns. Baden-Württemberg hat zeitgleich mit dem Bundeserziehungsgeld als erstes Bundesland ein Landeserziehungsgeld eingeführt, das einkommensschwachen Familien neben anderen Hilfen wie Unterhaltsvorschuss, Familienpass, Stiftungsgelder und Beratungsleitungen zugute kommt. Mit dem bedarfsgerechten Ausbau von Betreuungsplätzen und Ganztagsschulen wird die Möglichkeit geschaffen, Beruf und Kinderwunsch zu vereinbaren.

Die Entscheidung, wie die Kinder betreut werden, sollen die Eltern treffen. Wir wollen nicht, dass die Ganztagesbetreuung die Regel wird. Sie soll eine Option bleiben. Die Eltern prägen die Persönlichkeit ihrer Kinder. Der Staat darf nicht ihr Vormund sein.

Bildung ist und bleibt ein zentrales Element unserer Politik. Bildung ist der Schlüssel für Ausbildung und Beruf, für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, für Wachstum und Wohlstand. Niemand ist ausgeschlossen. Die soziale Herkunft, das Vermögen der Eltern wird es für den einen leichter, für den anderen schwerer machen. Dies ist nicht zu ändern. Die Chancen nutzen müssen alle. Unser Staat hat kein Interesse, Menschen zu benachteiligen. Er schafft sich damit nur die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger von Morgen. Der Staat kann aber nicht jedem alles abnehmen. Eine freie Gesellschaft wird getragen von Menschen, die bereit sind, mitzumachen und die Ärmel hochkrempeln. Auch die Programme für die Wirtschaft, für die Existenzgründer und für den Mittelstand, fallen nur dann auf fruchtbaren Boden, wenn wir alle mitmachen. Dazu braucht es den störrischen Willen und die Beharrlichkeit eines Esels. Den Menschen in diesem Land fehlt es nicht daran.

Glaube, Hoffnung, Liebe die zentrale Botschaft des Evangeliums. Wir müssen sie nur leben und unser Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Eine frohe Adventszeit und Frohe Weihnachten.

 

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© Dr. Reinhard Löffler MdL

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