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Mit Spätzle an die Macht?
Das Leben schreibt die schönsten Satiren. Der Wahlsonntag am 27. März ist schon Geschichte. Das neue Grün-Rote-Kabinett hat es sich auf dem Sofa in der Villa Reizenstein bequem gemacht, um die Bürger auf Augenhöhe zu regieren. Plötzlich brachte eine Nachricht, die der SWR in der Abendschau verbreitete, Unruhe in die Beschaulichkeit der alten Villa. Was war geschehen? Der SWR meldete, der Fraktionsvorsitzende der FDP, Hans-Ulrich Rülke und Ministerpräsident a.D. Stefan Mappus (CDU) werden von der Landeswahlleiterin, Christiane Friedrich, vor den Wahlprüfungsausschuss des Landtags zitiert. Insgesamt liegen 12 Einsprüche von Bürgern vor. Die beiden Herren aus dem bürgerlichen Lager hätten massiv gegen das Landeswahlgesetz verstoßen. Wähler sollen beeinflusst und Spendengelder missbraucht worden sein, um mit Wahlgeschenken für ihre politischen Interessen zu werben. Ja sogar von Bestechung ist die Rede.
Die Lage ist ernst. Rülke hatte über 6.000 Packungen Spätzle gekauft, die Tüte für 40 Cent. Auf der Packung strahlt Rülkes Konterfei den Wählern entgegen, verbunden mit der unmissverständlichen Aufforderung, am Wahlsonntag doch bitteschön das Kreuz bei der FDP zu machen. Rülke wurde auch dabei gesehen, wie er im Straßenwahlkampf von Haus zu Haus ging, an Haustüren klingelte und den erschrockenen Bürgern einen Beutel Spätzle in die Hand drückte. Es wird gemunkelt, fanatische FDP-Anhänger drängten arglosen Passanten Spätzletüten auf oder schmuggelten solche in deren Einkaufstaschen. Manch unbedarfter Bürger, der unvoreingenommen für die Wahlkampfthemen der FDP Interesse heuchelte, sah sich am Ende des Gesprächs mit dem Wahlkampfteam genötigt, einen Prospekt und eine Tüte Spätzle mitzunehmen. Über die kulinarische Werthaltigkeit wird nichts berichtet. Die Spätzle – wenn auch nicht handgeschabt – sollen zum Verzehr geeignet gewesen sein. Dies behauptet zumindest der SPD-Kandidat Thomas Knapp, der zusammen mit seiner Frau in einem heroischen Selbstversuch die Spätzle artgerecht zubereitet und als Beilage zum Sonntagsbraten verspeist hatte. Nennenswerte Beschwerden seien ausgeblieben.
Einem Schwaben Spätzle anzubieten, das ist Wahlbeeinflussung, so der Beschwerdevorwurf. Im Sinne des Gesetzes zählt der badische Enzkreis auch zum Schwabenland. Spätzle sind auch Pasta. Ein Hauch Berlusconi atmet aus dem sonst beschaulichen Schwarzwälder Enzkreis und legt sich wie Mehltau über das ganze Land. Rülke reagiert noch gelassen, er ist für den Enzkreis wieder im Landtag vertreten. Thomas Knapp diesmal nicht. Gegen ihn liegt kein Einspruch vor. Er verteilte Rosen. Das Stück für 50 Cent. Rosen kann man nicht essen. Vielleicht hätte er Maultaschen verschenken sollen. Im Enzkreis wählt der Magen mit.
Auch Stefan Mappus ist das Lachen vergangen. Zwar holte er das Direktmandat mit 41 % der Stimmen, freuen konnte er sich darüber aber nicht so richtig. Zur Regierungsmehrheit hat es für die Koalition bekanntermaßen nicht gereicht. Jetzt kommt neuer Ärger. Vor laufenden Kameras und vor unzählig anwesenden Journalisten gab Stefan Mappus medienwirksam seine Stimme im Wahllokal seines Vertrauens ab. Auf die Frage, was er gewählt habe, blieb der Ministerpräsident nicht nebulös oder unklar. Nein, freimütig erklärte er den staunenden Zuhörern: „Ich habe CDU gewählt!“ Ein Geheimnis war gelüftet. Bekanntlich zahlt sich Ehrlichkeit nicht aus. Der Aufschrei der Empörung gipfelte im Vorwurf: Mappus habe im Wahllokal unzulässiger Weise für die CDU geworben und damit indirekt zur Stimmabgabe für seine Partei aufgefordert! Das geht gar nicht, empört sich der Wutbürger. Man darf gespannt sein, wie Mappus diese für ihn verzwickte Lage lösen wird. Er ist geübt im Umgang mit diffizilen Situationen und ein Meister in der Lösung Gordischer Knoten.
Ist nur die Wahl von Rülke und Mappus unwirksam oder muss gar die Landtagswahl vom 27.März wiederholt werden? Das wäre der Fall, wenn diese Wahlrechtsverletzungen Auswirkungen auf das ganze Land haben. Haben nicht alle Landtagskandidaten Wahlgeschenke verteilt? Ich gestehe, auch ich haben Tempo-Taschentücher und Kressesamen verschenkt. Kommt jetzt das dicke Ende? Es herrscht Krisenstimmung. Alle blicken gespannt auf den Wahlprüfungsausschuss. Ministerpräsident Kretschmann zeigt sich verunsichert. Jetzt muss er Stuttgart 21 bauen und dann noch das.
Es soll Stimmen geben, ganz raffinierte Christdemokraten hätten „hälingerweise“ Einspruch eingelegt, um den Wechsel wieder zu drehen. Das wäre ja ganz ausgefuchst. Tut sich da ein Hintertürchen auf oder kommt da unverhofft ein Strohhalm daher? Stefan Mappus wird mit beiden Händen zupacken. Dessen bin ich mir sicher, ansonsten warten wir mit dem Regierungswechsel noch einmal fünf Jahre.
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