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Des Kaisers neue Kleider

„Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang“ dichtete 1799 Friedrich Schiller im „Lied von der Glocke“. Fünf Jahre lang währt die Reue möchte man ihm zurufen. Die Wähler in Baden-Württemberg haben im Land die politischen Weichen neu gestellt. „Der Wechsel beginnt“ mit einer „neuen Politik“ und „einem neuen politischen Stil.“ So vollmundig kündigt die Grün-Rote Regierung ihr politisches Credo in ihrem Koalitionsvertrag an. „Wir werden verändern, wo es notwendig ist, Manches anders und Vieles besser machen“, so das Versprechen in der Präambel. Lange mussten wir nicht darauf warten.

Die Euphorie der ersten 100 grün-roter Regierungstage ist schnell verflogen. Ende Juni, auf dem Sommerfest der IHK, schmeichelte Herbert Müller, der Stuttgarter IHK Präsident, noch dem anwesenden SPD Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid mit den Worten :“Die wirtschaftspolitischen Zielsetzungen des Koalitionsvertrags hätten aus der Feder der IHK stammen können. Jetzt ist das Tischtuch zerschnitten. Der grüne Ministerpräsident, der sich gerne volkstümlich gibt, fordert in der Wirtschaftswoche einen schärferen Ordnungsrahmen für die Automobilindustrie, ein Tempolimit auf allen Straßen und eine Senkung der Verkehrs- und Schadstoffemissionen. Damit die Industrie auf Touren kommt, faselt der Ministerpräsident etwas von einer „Innovationspeitsche“ und bringt damit den IHK Hauptgeschäftsführer, Andreas Richter, in Rage. „Gepeitscht werden Sklaven“ wetterte Richter. Die „Wirtschaft gehe jetzt auf Distanz, „die Wirtschaft brauche keine grüne Ordnungspolitik, sondern verlässliche Rahmenbedingugen und Vertrauen“ kritisierte Richter. Der grüne Umweltministers, Franz Untersteller, legte auf dem Handwerkstag nach: „Wir werden diese Industriegesellschaft umbauen“.

Die Aufregung in der IHK ist so recht nicht verständlich, zumindest lässt sich eine retadierte Reaktionszeit feststellen. Denn kaum im Amt, forderte der Ministerpräsident von der heimischen Autoindustrie, weniger Autos der Premiumklasse zu bauen und energie- und ressourcensparende Produktlinien zu schaffen. Daimler und Porsche sollen sich in fünf Jahren als Mobilitätskonzern verstehen und nicht mehr als Autofabrik. Die Reaktion der Industrie war entsprechend scharf. Uwe Hück, der Betriebsratsvorsitzende von Porsche, warnte vor einer autofeindlichen Haltung und fürchtet um die Arbeitsplätze im Land. Bei einer Fertigungstiefe von 80% lässt sich erahnen, wie viele Zulieferer und Tausende von Arbeitsplätzen im Mittelstand von der Automobilindustrie abhängig sind. Der Premiummarkt in der Automobilbranche ist hart umkämpft. Jeder sechste Arbeitsplatz im Land hängt davon ab. Das alles war der IHK bekannt und das Interview in der Wirtschaftswoche war auch schon im Mai. Unsere Automobilindustrie lebt nicht vom heimischen Markt. Mit der grünen mobilitätsfeindlichen Innovationspeitsche, lässt sich keine erfolgreiche Exportpolitik machen.

Der Mittelstand hat Baden-Württemberg zu einer der stärksten Wirtschaftsregionen in Europa gemacht. Jetzt ist das Wirtschaftsministerium zerfleddert und in das Finanzministerium integriert worden. Das Land soll „Ausgangspunkt einer erneuerten sozialen und ökologischen Marktwirtschaft werden“. Wirklich neu ist die Ausrichtung auf neue Technologien im Bereich Mobilitätskonzepte, Umwelt oder Gesundheit nicht. Es wird all das fortgeführt, was die alte Regierung bereits auf den Weg gebracht hat. Unsere Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen sinken im Monatsrhythmus und nirgendwo in Europa gibt es weniger Jugendarbeitslose als bei uns.

Wirtschaft verträgt sich nicht mit Ideologie. Der Markt folgt einer eigenen Gesetzmässigkeit, in die von der Politik nur behutsam eingegriffen werden soll. Ludwig Erhard hat mit seiner sozialen Marktwirtschaft den richtigen Rahmen gesetzt. Es mag Sinn machen, ökologische Wachstumsfelder zu fördern. Es ist aber nicht Sache der Politik, als Unternehmensberater Produktlinien vorzugeben oder planwirtschaftliche Vorgaben zu machen.

Deshalb muss es Sorge bereiten, dass im Koalitionsvertrag die SPD die Leiharbeit erschweren und der gewerkschaftlichen Forderung nach Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns nachkommen und ein planwirtschaftlich bürokratisches Tariftreuegesetz einführen will. „Die einen haben Blut im Benzin, die anderen Sonne im Herzen; hoffentlich findet sich noch jemand mit Hirn im Kopf“ meinte mein FDP-Kollege Rülke spöttisch dazu.

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Über eine Milliarde Euro Mehreinnahmen spült die mittelständische Wirtschaft in diesem Jahre in den Haushalt. Ungehört mahnt der Rechnungshof an, Schulden abzubauen und die Nullverschuldung zu verwirklichen. Daraus wird nichts. Ihm Gegenteil: „Melken“. versteht Grün-Rot, unter „ökologischer Wirtschaftspolitik. Die Grunderwerbssteuer steigt von 3,5% auf 5%. Dies wird junge Familien, die sich ein Eigenheim schaffen wollen und den Mittelstand im Baugewerbe treffen. Zudem wollen Grün-Rot im Bund die Vermögenssteuer wieder einführen. Statt die Gewerbesteuer von substanzbesteuernden Elementen zu entrümpeln, sollen Freiberufler künftig auch Gewerbesteuer zahlen. Für die Wettbewerbsfähigkeit unserer exportorientierten mittelständischen Wirtschaft nützen mehr Steuern und mehr Abgaben wenig. Die neue Regierung greift in die Taschen derer, die investieren wollen. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, dass mittelständische Unternehmen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung steuerlich besser absetzen können, so wie es in anderen europäischen Ländern üblich ist. Wir brauchen eine innovative und kreative Wirtschaft, die sich auf dem Weltmarkt behaupten kann. Ohne eine gute öffentliche Infrastruktur und ohne Fachkräfte wird das nicht gehen. Die fehlen an allen Ecken und Enden. Hier gilt es, Hausaufgaben zu machen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das Stichwort. Die Poltitk muss die Wirtschaft unterstützen, nicht ihr Vorschriften machen

Im Nachtragshaushalt hat Grün-Rot ihren ministerialen Verwaltungsapparat mit 180 neuen Planstellen mächtig aufgebläht. Kurz zuvor prangerte der Finanz- und Wirtschaftsminister in einem „schonungslosen Kassensturz“ die Lasten der Pensionsverpflichtungen an und stempelte Baden-Württemberg zum „Schuldenland“. Jetzt zeigt sich die neue Regierung indigniert, weil die CDU die 58 neuen Stellen im Verkehrsministerium hinterfragt, ob sie denn als „Kampftruppe gegen S 21“ aufgestellt werde. Der Dialog in den Plenardebatten gewinnt an Schärfe. Die Haushaltsberatungen versprechen spannend zu werden.

Auf jeden Rausch kommt die Ernüchterung. Sie kommt spätestens dann, wenn Stuttgart 21 in trockenen Tüchern ist und sich viele grüne Wähler getäuscht sehen. Darauf warten wollen wir nicht. Politik heißt Alternativen bieten. Die CDU macht eine konstruktive und kämpferische Opposition. Die Fraktion wird einen offenen Arbeitskreis „Mittelstand“ konstituieren und Mittelständer zum regelmäßigen Dialog einladen. Allzu lange hat die MIT kritisiert, dass die CDU ihre Interessen nur stiefmütterlich berücksichtigt. Wir „lernen Opposition“ und dazu gehört auch, stärker auf Mittelständler zu hören, die tagtäglich die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen die Politik einbrockt.

Willi Stächele, der neue Landtagspräsident, rät dennoch zur Gelassenheit. Ganz abgeklärt mahnte er in seiner Antrittsrede: „Mit einem Regierungswechsel unter Demokraten beginnt nicht der Untergang, meist allerdings auch nicht ein goldenes Zeitalter“.

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