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14.10.2010
Dienstleistungen,
Motor unserer Wirtschaft

Die
wirtschaftliche Talfahrt während der
Finanzkrise hat einmal mehr die kritische
Frage an der Ausrichtung unserer Wirtschaft
aufgeworfen. Der Vorwurf: Der
außergewöhnlich hohe Industrieanteil sowie
die starke Weltmarktorientierung hätten der
heimischen Wirtschaft während den globalen
Konjunkturturbulenzen besonders geschadet.
In der Tat unterscheidet sich unsere
Wirtschaftsstruktur von anderen großen
Volkswirtschaften. Bei uns steuert das
verarbeitende Gewerbe etwa ein Viertel zum
Bruttoinlandsprodukt bei. Das ist deutlich
mehr als in anderen europäischen Regionen
und Ländern. Auch bei einer Exportquote von
fast 50% spielt die baden-württembergische
Wirtschaft in einer anderen Liga als ihre
Konkurrenten und lässt selbst Länder wie
Belgien, Dänemark, Österreich, Portugal oder
Schweden hinter sich.

Richtig ist,
dass unsere erfolgsverwöhnte Wirtschaft
zuletzt arg gebeutelt wurde. Als die
Konjunktur im April 2009 die Talsohle
erreichte, lagen Industrieproduktion und
nominale Warenausfuhren ein Viertel unter
dem Höchststand vom August 2008. Jetzt sind
wir wieder da, schneller als erwartet. Die
Auftragsbücher der Industrie sind voll. Die
Umsätze steigen zweistellig. Die Wirtschaft
brummt. Im ersten Halbjahr 2010 legte das
Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt um fünf
Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
zu. Mehr als in jedem anderen Bundesland.
Und der Erfolg basiert nicht nur auf einer
hohen Auslandsnachfrage sondern auch auf
einem wachsenden Binnenmarkt. Die
Arbeitslosenzahlen sinken im Monatsrhythmus
und wir haben die wenigsten
Jugendarbeitslosen in ganz Europa.

Der Erfolg hat
viele Gründe. Einer der entscheidenden
Gründe ist, dass wir die Innovations- und
Wettbewerbsfähigkeitsoffensive der
Lissabon-Strategie besser umgesetzt haben,
als andere Länder. Leider fällt das Ergebnis
der Lissabon-Strategie in Europa ziemlich
mager aus. Bei den wichtigen Indikatoren wie
Bruttoinlandsprodukt je Einwohner,
Arbeitsproduktivität oder
Erwerbstätigenquote kann Europa mit anderen
Wirtschaftsräumen nicht mithalten.
Baden-Württemberg aber schon. Wir haben im
Land erkannt, dass Wettbewerbsfähigkeit
nicht allein per EU-Dekret verordnet werden
kann, sondern dass bei der Stärkung der
Wettbewerbsfähigkeit auf der Ebene der
Unternehmen anzusetzen ist, denn allein sie
müssen sich auf dem Weltmarkt durchsetzen.
Unser Mittelstand profitiert von unserer
Clusterpolitik, die horizontal die
Wertschöpfungskette verbindet und vertikal
eine Vernetzung zu Forschungseinrichtungen
schafft. Ein Anteil daran hat auch die
Akademie für Technikfolgenabschätzung. Mit
ihrer Hilfe können auch kleine und mittlere
Unternehmen sich das wissenschaftliche
Know-how bei ihren Innovationsaktivitäten
über Forschungs- und Entwicklungsaufträge
erschließen.

Wir haben in
der Krise einen Strukturwandel auf den Weg
gebracht. Mit den Veränderungen der
Wertschöpfungsstrukturen und mit der Senkung
der Zugangsschwellen zu Forschungsressourcen
wachsen unternehmens- und wissensbezogene
Dienstleistungen. Sie wachsen, weil zum
einen Fixkosten reduziert und die
Produktqualität gesteigert werden, weil ein
besserer Transfer von Know-how und
Technologie die Innovationsfähigkeit erhöht.
Sie wachsen aber auch, weil Kunden von
industriellen Produkten vermehrt eine vor-,
nachgelagerte und begleitende Dienstleistung
nachfragen. Service, Finanzierung,
Betreuung; Informations- und
Kommunikationsdienstleistungen sowie
individuelle Problemlösungen werden zum
entscheidenden Qualitätsfaktor auf
saturierten Märkten. Das physische Produkt
und die immaterielle Dienstleistung, die
Produkt- und Prozessinnovation verschmelzen
untrennbar miteinander. Diese Branche wächst
schneller als jede andere und sie ist der
Erfolgsgarant für die globale
Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen.

Damit dieses
Wachstum anhält müssen wir aber auch etwas
dafür tun. Bei der steuerlichen
Forschungsförderung ist Deutschland immer
noch Schlusslicht in Europa. Die Nachfrage
nach Fachkräften ist ungebrochen hoch.
Frauenförderung, Vereinbarkeit von Familie
und Beruf und Migrantenökonomie sind
Herausforderungen, bei denen wir uns weiter
entwickeln müssen. Ich halte es auch für
grotesk, dass wir jungen ausländischen
Hochschulabsolventen ein
Daueraufenthaltsrecht verweigern, weil sie
in ihrem ersten Beschäftigungsjahr kein
Jahresgehalt von 85.000,- Euro vorweisen
können. Und ich halte es auch für falsch,
dass der Versorgungs- und Sozialstaat Geld
verschlingt, das besser in Bildung
investiert wäre.

Wir müssen
unser Augenmerk aber auch
Konsumdienstleistungen richten, die von
Privaten nachgefragt werden und die vom
Binnenmarkt abhängig sind. Dazu gehören etwa
Handel, Gastronomie, Gesundheit, Wellness
oder Bildungsleistungen. Diese vom privaten
Verbrauch abhängigen Leistungen haben – auch
wegen der Kurzarbeiterregelung – den
Nachfrageeinbruch weniger stark erfahren und
sich mittlerweile wieder erholt. Sie können
mit der Dynamik unternehmensbezogener
Dienstleistungen nicht mithalten. Dafür aber
sind sie in der Krise nicht so volatil und
bieten mehr Chancen für Menschen mit
geringeren Bildungsabschlüssen. Geraden die
demographische Entwicklung wird zeigen, dass
künftig vermehrt pflegerische Leistungen,
Gesundheit, Tourismus und Wellness aber auch
Bildung im Alter nachgefragt werden.

Wir haben im
Land ein gutes Mischungsverhältnis zwischen
klassischer Industrie und Dienstleistung.
Wer gemeint hat, dass nur die New Economy
der globale Wachstumstreiber ist, wurde
spätestens nach dem Platzen der
New-Economy-Blase in die Realität zurück
geholt. Unser Aufschwung ist ausgewogen und
deshalb nachhaltiger. Das Ergebnis einer
guten Wirtschaftspolitik der
Regierungskoalition eben. Und das wird auch
so bleiben.

Dr. Reinhard
Löffler MdL

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